Basis für eine faire und gute Beurteilung

30. August 2021
Ab August 2021 gelten in der Schule neue Rahmenbedingungen zur Beurteilung. Das vom Bildungsrat im Juni 2019 erlassene Reglement bildet die Grundlage für die künftige Beurteilungspraxis in den Schulen des Kantons. Im Rahmen von Weiterbildungstagen wurden unsere Lehrerinnen und Lehrer in das Thema eingeführt.

In einer 120-seitigen Handreichung interpretiert der Bildungsrat das Reglement ausführlich und gibt damit ein allgemeines Verständnis der Beurteilung im Kanton St. Gallen vor. Dieses wird nachfolgend kurz erklärt.
Ergänzend zu den rechtlichen Rahmenbedingungen legen die vom Bildungsrat erlassenen, sechs Grundsätze die Basis für eine faire und gute Beurteilung in der Volksschule.

1. Beurteilungskultur vor Ort ausgestalten
Beurteilen ist ein Bestandteil des professionellen Auftrags der Schule. Um diesen Auftrag angemessen zu erfüllen, müssen die Schulen lokal eine verständliche, gemeinsam verantwortete und kohärente Beurteilungskultur entwickeln.

2. Beurteilen heisst in erster Linie fördern
Dieser formative Ansatz der Schülerinnen- und Schülerbeurteilung ist nicht neu. Bereits heute ist es das primäre Ziel der Beurteilung, den Lernprozess der Schülerinnen und Schüler zu unterstützen und zu fördern und dadurch die Lernfreude zu wecken und zu stärken.

3. Zielerwartung definieren und Lernstand abbilden
Die Lehrperson definiert Lernziele, die auf eine flexible Anwendung von Verstehen, Wissen und Können fokussieren. Den Schülerinnen und Schülern erklärt sie verständlich und nachvollziehbar die damit verbundenen Leistungserwartungen und setzt geeignete und angepasste Überprüfungsformen ein.

4. Beurteilung bedingt Kommunikation
Die Schülerinnen und Schüler erhalten laufend verständliche und aussagekräftige Rückmeldungen zum Lernprozess bzw. zu den erbrachten Leistungen. Regelmässig erhalten auch die Erziehungsberechtigten eine Einschätzung der Lehrperson zum Lernstand ihres Kindes.

5. Zeugnisnote als Gesamtbeurteilung
Gestützt auf vielfältige Leistungsnachweise und einer Gewichtung der bedeutsamen fachlichen Anforderungen bringen die Lehrpersonen am Ende einer Zeugnisperiode die abschliessende Bilanz mit einer Note zum Ausdruck. Diese beschreibt in codierter Form den aktuellen Leistungsstand im jeweiligen Fach.

6. Passende und chancengerechte Schullaufbahnentscheide.
Basierend auf einer Gesamteinschätzung und einer Abstimmung zwischen dem Leistungsvermögen und den Anforderungen der Weiterbeschulung werden Schullaufbahnentscheide getroffen. Die Gesamteinschätzung stützt sich auf den Leistungsstand, die Lernsituation, die Lernentwicklung und weitere schulbezogene Informationen.

Schullaufbahnentscheide auf Basis einer Gesamteinschätzung
Im Laufe der Schulzeit einer Schülerin bzw. eines Schülers sind immer wieder Schullaufbahnentscheide zu treffen (Promotion, Repetition, Überspringen, Stufenübertritte, Zuteilung oder Wechsel zu einem Schultyp).
Bei Schullaufbahnentscheiden sind die Erziehungsberechtigten, die Schülerin bzw. die Schüler sowie Lehrpersonen miteinzubeziehen. Basis für den Antrag zu einem Schullaufbahnentscheid ist die Gesamteinschätzung der Klassenlehrperson. Diese berücksichtigt das ganze schulische Umfeld und die Kompetenzen der Schülerin bzw. des Schülers in verschiedenen Bereichen.

Verfahren beim Übertritt in die Oberstufe
Der Bildungsrat hat auch das Verfahren im Zusammenhang mit dem Übertritt von der Primar- in die Real- oder Sekundarschule kantonal einheitlich geregelt. Unter anderem steht den Klassenlehrpersonen der 6. Klassen zur Unterstützung bei der Gesamteinschätzung neu ein kantonales Formular zur Verfügung, das alle Grundlagen für den Zuweisungsantrag beinhaltet. In ihrer Gesamteinschätzung gibt die Lehrperson den Leistungsstand in den Fachbereichen «Deutsch» und «Mathematik» über den Erreichungsgrad der Lernziele an. Die Leistungen in allen weiteren Fächern sowie die Lernsituation und die Lernentwicklung werden in Textform beurteilt.

Jährliches Beurteilungsgespräch
Beurteilung bedingt Kommunikation, sowohl mit den zu beurteilenden Schülerinnen und Schülern als auch mit deren Erziehungsberechtigten. Mindestens einmal im Schuljahr bis Ende März muss ein verbindliches Beurteilungsgespräch durchgeführt werden, an dem hinsichtlich der Schullaufbahnentscheide die folgenden fünf Bereiche thematisiert werden müssen:

  • der Lern- und Entwicklungsstand (im Kindergarten) bzw. der Leistungsstand in allen Fachbereichen (ab
  • 1. Klasse Primarschule)
  • das Arbeits-, Lern- und Sozialverhalten (ALSV)
  • die Lernentwicklung
  • die künftige Schullaufbahn
  • Beobachtungen aus Schule und Elternhaus

Die Bewertung und Besprechung des Arbeits-, Lern- und Sozialverhaltens orientiert sich neu an einem kantonalen Formular. Anhand von Beobachtungspunkten werden auf einem Einschätzungsbogen die ALSV-Aspekte «Lernbereitschaft», «Eigeninitiative», «Selbständigkeit», «Selbstreflexion», «Belastbarkeit», «Umgangsformen», «Kommunikation» und «Zusammenarbeit» konkretisiert.

Jahreszeugnisse auf der Primarstufe
Im Kindergarten und in der Primarschule erhalten die Schülerinnen und Schüler jeweils am Ende eines Schuljahres ein Zeugnis. In der Oberstufe wird nach wie vor ein Zeugnis pro Semester ausgestellt. Das Zeugnis bis und mit 1. Klasse Primarschule wird wie bis anhin ohne Noten ausgestellt. Es werden lediglich die Themen des Beurteilungsgesprächs aufgeführt. Ab der zweiten Klasse werden im Zeugnis die jeweils obligatorischen Fächer aufgeführt und die Leistung je Fach wie gewohnt mit einer Note ausgewiesen. Weitere besuchte schulische Angebote werden neu auf einem Beiblatt bestätigt.

Beurteilung der Fachleistung
Die Zeugnisnote entspricht nicht einer Bilanzierung in Form einer Durchschnittsberechnung von Prüfungsnoten. Sie ist keine Zahl im mathematischen Sinn, sondern ein Code, der den aktuellen Leistungsstand der Schülerin bzw. des Schülers beschreibt. Die Lehrperson muss im Rahmen der Gesamtbeurteilung die vielfältigen Leistungsnachweise – nebst den schriftlichen Prüfungen sind dies Produkt- oder Prozessbewertungen, Beobachtungen usw. – vergleichen, gewichten und in einen Gesamtzusammenhang stellen. Das Resultat ihrer Einschätzung muss sie in Form einer Note auf der geläufigen Skala von 1 bis 6 ausdrücken, wobei auch halbe Noten nach wie vor erlaubt sind. Die Zeugnisnote stellt lediglich einen Code dar, der Aussagen zur Lernzielerreichung macht.

Umsetzung
Wie erwähnt tritt das «Reglement über Beurteilung, Promotion und Übertritt» am 1. August 2021 in Kraft, und die Umsetzung der formalen Vorgaben ist ab Schuljahr 2021/2022 verbindlich. Die Auseinandersetzung mit der «Beurteilungspraxis» findet in der Schule Wartau auf verschiedenen Ebenen statt, und es wurden erste Veranstaltungen mit den Lehrpersonen durchgeführt. Weitere Anlässe folgen. Zur Weiterentwicklung der lokalen Beurteilungskultur hat der Bildungsrat nämlich einen Zeitraum von drei Jahren vorgesehen. In dieser Zeit werden auch die zur Verfügung gestellten kantonalen didaktischen Grundlagen zur «Beurteilung im kompetenzorientierten Unterricht» laufend weiterentwickelt und ergänzt.